Warum ich Hogwarts Legacy NICHT spielen werde

Die wehende LGBTQIA+ Flagge ist im Vordergrund zu sehen. Der Himmel ist in ein klares Weiß gehalten.
daikini.lebt

Kontroverse Themen sind mir die „liebsten“ und deswegen muss ich einfach mal in das Thema J. K. Rowling springen und das neue Videospiel Hogwarts Legacy in Angriff nehmen. Denn als Person, die sich (offensichtlich) für das Leid von Tieren interessiert und sich dagegen ausspricht, kann ich auch bei Themen wie Rassismus, Transfeindlichkeit etc. nicht still sitzen bleiben. Deswegen schaue ich mir heute mal etwas genauer an, was da eigentlich gerade so auf Twitter und der Welt abgeht. Oder eher schon seit Jahren. Denn dieses Thema ist nicht so jung, wie man vielleicht im ersten Moment denken würde.

Kleiner Reminder im Vorfeld: Das Thema ist sehr komplex und es gibt wie bei vielen Sachen kein Schwarz oder Weiß, sondern viele Zwischenstufen. Das hier wird meine Betrachtung zu dem Thema und ich kann natürlich nur das mit einbeziehen, was ich weiß und was ich zusätzlich zu dem Thema noch gefunden habe. Die Quellen dazu findet ihr auch im Beitrag und könnt da gerne auch nochmal rein sehen. Ich freue mich auch über einen Austausch im Nachgang, aber natürlich in einem vernünftigen Ton. Bei solch sensiblen Themen sollte man immer auch zuerst den Betroffenen zuhören und ich kann nur das wiedergeben und meine eigene Meinung daraus bilden. Diese kann (und wird) natürlich nicht allen gefallen und das ist irgendwo auch gut und richtig so. Wichtig ist aber immer noch der Umgang miteinander und darum geht es im Endeffekt auch bei dem Thema; und damit schließt sich wieder der Kreis!

Harry Potter war auch Teil meiner Kindheit

Als Kind (bei der Veröffentlichung des ersten Buchs war ich zehn Jahre alt) habe ich exakt die Zeit mitgenommen, als Rowling ihren Durchbruch mit der Harry Potter Reihe startete. Durch meine damalige Schulfreundin kam ich damit in Berührung. Sie war zwar noch viel mehr Fan als ich, aber ich als Bücherwurm habe in meiner Kindheit sehr viele Bücher verschlungen. Die Potter Bücher wurden von uns teilweise innerhalb eines Tages nach Release verschlungen und wir haben den ganzen nächsten Tag nur noch darüber gesprochen. Wenn es mal länger dauerte, wurde dies respektiert und sich nur bis zu den entsprechenden Passagen miteinander ausgetauscht.

Das wurde übrigens im späteren Alter immer schwieriger. Es wurde nicht mehr so wirklich respektiert, wenn jemand nicht auf dem selben Informationsstand war. Bei den letzten zwei Büchern wurde mein Interesse leider durch Spoiler geschmälert. Später hatte ich dann noch versucht mir die Bücher auch auf Englisch einzuflößen. Zugegeben, für mein Empfinden waren sie nicht schön geschrieben, aber ich hatte es dennoch probiert. Auch um mein Englisch zu verbessern. Und ich fand die Cover richtig schön.

Das Gute an Harry Potter

Harry Potter ist eine Reihe, die im frühen Alter die kindliche Fantasie beflügeln kann. Unumstritten sind Fantasy Bücher so spannend wie kaum ein anderes Genre. Zumindest empfinde ich es so. Es ist (fast) alles erlaubt, vielfältig, bunt und oft ein Booster, um der Realität zu entfliehen. In den Harry Potter Büchern liegt ein Schwerpunkt ja auch auf dem Erwachsenwerden. Um das sich-beweisen-Können und behaupten Müssen. Und darum, auch das Schöne in einer vielleicht gerade grauen Welt (zumal es ja auch in England spielt und Harry nicht gerade schön aufwächst) zu erkennen. Es geht um Freundschaft, aber auch um Rivalität. Um Loyalität und Durchhaltevermögen. Um das an-sich-selbst-Glauben, darum seine Stärken zu finden.

Im Grunde ist die Reihe ein fantastisches Lehrstück fürs Leben, wenn man noch klein oder auch schon groß ist. Es kann Menschen zusammen bringen, die nicht in die gesellschaftlichen Normen passen. Und es stärkt solche, die es schwer haben im Leben. Die aus so etwas banalem wie einem Buch Kraft ziehen können (bei diesen Gedanken muss ich mich immer an Coldmirror erinnern). Das alles sind positive Punkte, die man bei all der Kritik nicht vergessen sollte!

Ein tolles Spiel, aber…

Ich habe mir den Trailer von Hogwarts Legacy auf dem offiziellen Play Station YouTube Kanal nochmal angeschaut und muss zugeben: Auch ich hätte mega Lust auf dieses Spiel. Es juckt mir regelrecht in den Fingern, auf einen „Kauf-mich-Button“ zu klicken. Dennoch werde ich es nicht tun.

Zum einen gibt es unzählige andere Spiele, die man angehen kann. Wir leben in einer Welt, in der ständig neue Titel erscheinen. Täglich kommen hunderte, wenn nicht sogar tausende neue Games von tollen Entwickler*innen raus. Man muss nicht auch noch dieses eine haben. Ein Verzicht sollte besonders bei solchen Themen einfacher sein, soweit man sich natürlich auch mit den im Raum stehenden Themen auskennt. Und ich bin mir dessen bewusst, dass viele Menschen sich nicht auch noch darum kümmern können. Vor allem dann nicht, wenn man selbst andere Probleme hat oder sich schon intensiv mit anderen Themen beschäftigt.

Zum anderen werden bestimmte Probleme, wie die Sklaverei der Hauselfen, Diskriminierung und Ausgrenzung von Anderen (beispielsweise gegen Muggel und Halbblüter)1https://harry-potter.fandom.com/de/wiki/Rassismus_in_der_magischen_Welt, im Spiel weiter getragen. Man hätte das ändern können und sich klar in einem Zeitraum dafür aussprechen können, dies nicht mehr als gute Tradition weiterzuführen. Und zwar indem das Spiel zeitlich nach Harry Potter spielt.

Die Moral an der Geschichte

Freiheit und Selbstbestimmung für Hauselfen, das hätte ein Thema im Spiel sein können! Darum geht es ja auch irgendwie bei trans Menschen. Um die Freiheit, ihr Leben so zu führen wie sie es wollen und damit selbstbestimmt leben zu können. Ohne Angst vor Ausgrenzung, Hass, Unterdrückung, Anfeindungen et cetera.

Es ist für mich problematisch, dass die Kobolde (Goblins) im Spiel als Feinde skizziert werden. Eine Gruppe wird ausgegrenzt und bekommt weniger Rechte zugesagt. Sie sind in H.P. diejenigen, die das Vermögen verwalten, kostbare Gegenstände herstellen und denen bewusst bestimmte Stereotype zugesprochen werden2https://harrypotter.fandom.com/de/wiki/Kobold. Kommt einem bekannt vor oder?

„Rowling perhaps used the fact that the goblins were a vital part of Wizarding life, controlling their only bank, no matter how wizards see goblins as an inferior race, inspired by the prejudice of Nazis against Jews (hitherto anti-Semitism) and Adolf Hitler’s theory of Jews coveting world domination by controlling banks all over the world. This is supported by the fact that some wizards, like Hermione Granger, negatively see this prejudice.“

https://harrypotter.fandom.com/wiki/Goblin

Antisemitismusvorwürfe gab es also in der Vergangenheit schon des öfteren gegen J. K. Rowlings Meisterstück. Angeblich soll dieses Thema auch in anderen Büchern des H. P. Universums aufgegriffen worden sein und eine Goblin Rebellion wurde schon damals kurz thematisiert. Das ist mir bis dato nicht genauer bekannt, weil ich die anderen Bücher nicht gelesen habe. Diskutiert wurde darüber im Internet aber auf jeden Fall schon öfters3https://www.quora.com/Are-the-goblins-in-Harry-Potter-an-antisemitic-reference-to-Jews.

„In der Geschichte der Zauberwelt gab es mehrere Koboldaufstände. Diese Aufstände fanden am häufigsten im 17. und 18. Jahrhundert statt.“ – Harry Potter Fandom

Boykottieren oder doch lieber spielen?

Im Spiel wird es (laut Trailer) wohl um diese Rebellion gehen und auch auf der Homepage der Entwickler*innen zum Spiel, wird ein möglicher Koboldaufstand angesprochen. Auch, weil es im 19. Jahrhundert spielen wird, ist ein solcher Aufstand sehr wahrscheinlich thematisiert worden. Vielleicht versucht man im Spielverlauf den Kobolden zu mehr Rechten zu verhelfen oder schlägt sich zumindest (kurzzeitig) auf deren Seite? Um das heraus zu finden müsste man das Spiel natürlich spielen. Das wäre ein Pro-Argument, um vielleicht doch Hogwarts Legacy zu spielen.

Dennoch werde ich mir das Spiel momentan nicht kaufen. Was wiederum ein Problem ist, da es gegenüber den Entwickler*innen des Spiels ungerecht erscheint. Wie schon erwähnt, haben sie tolle Arbeit geleistet. Sie bezeichnen sich außerdem auch selbst als Fans des Harry Potter Universums und wollten „von Fans für Fans“ dieses Spiel entwickeln4https://www.hogwartslegacy.com/de-de/faq. Und das ist ihnen auch gelungen, sonst wären nicht so viele Menschen und Fans davon so begeistert.

„Portkey Games wird Entwicklern ermöglichen, eine Vielfalt an neuen und immersiven Spielerfahrungen zu schaffen, die alle von der Welt der Zauberei von J. K. Rowling inspiriert wurden. Diese Erfahrungen wurden nicht von J. K. Rowling geschrieben und werden keine direkten Adaptionen der Bücher oder Filme sein. Diese Spiele wurden von Spieleentwicklern, die selbst Fans sind und von der Welt der Zauberei inspiriert wurden, für Fans geschaffen.“

https://www.hogwartslegacy.com/de-de/faq

Das Studio hinter dem Spiel

Das Entwicklerteam hat sich vorab dazu geäußert, dass es möglich sein wird, seinen Charakter frei zu gestalten. So kann das Aussehen, das Geschlecht und die Stimme frei ausgewählt werden kann. Auch die Anrede als Hexe oder Zauberer und welchen Schlafsaal man nutzt, frei gewählt werden5https://www.nat-games.de/2021/03/02/hogwarts-legacy-entwickler-kontern-j-k-rowling-mit-transgender-option/. Das ist ein schönes Zeichen von Seiten des Teams. Aber dagegen steht, dass sich beispielsweise der Senior Produzent Troy Leavitt nicht von seinen frauenfeindlichen Äußerungen distanziert. Diese hatte er in der Vergangenheit offen auf YT raus gehauen, was wiederum einen bitteren Beigeschmack hinterlässt. Wenigstens hat er das Team verlassen und ist nicht weiter am Spiel beteiligt6https://www.golem.de/news/harry-potter-umstrittener-senior-producer-verlaesst-hogwarts-legacy-2103-154749.html. Ich finde erstaunlich (aber nicht verwunderlich), dass solche Menschen anscheinend gerne zu Rowling bis zum bitteren Ende stehen. Anstatt sich zu informieren, eventuell sogar umzudenken und sich anschließend zu ihren vorangegangenen Aussagen zu distanzieren.

Profitiert J. K. Rowling von Hogwarts Legacy?

Laut mehreren Aussagen sei es egal, ob sie direkt durch den Verkauf des Spiels Geld bekommen würde. Mit Sicherheit hat sie entweder schon Geld durch den Verkauf der Lizenzen erhalten. Spätestens beim Release werden ihre direkten Verkäufe durch den bereits vorhandenen Franchise nochmal ansteigen. Auf ihrem Konto ist so oder so schon eine große Summe. Das würde unterm Strich die Sau auch nicht mehr fetter machen. Ich denke hier geht es grundsätzlich für die Meisten ums Prinzip7https://www.polygon.com/21442033/hogwarts-legacy-jk-rowling-harry-potter-game.

„Diese Erfahrungen wurden nicht von J. K. Rowling geschrieben und werden keine direkten Adaptionen der Bücher oder Filme sein.“8https://www.hogwartslegacy.com/de-de/faq, dennoch belebt das Spiel immer wieder aufs Neue die Aufmerksamkeit auf Rowling und Harry Potter. Was zu neuen Verkäufen und weiteren Einnahmequellen für sie führt. Damit wird indirekt immer wieder Geld in ihr Portemonnaie gespült. Dessen sollte man sich bewusst sein.

Das große Problem bleibt

Das größte Problem an der ganzen Geschichte ist und bleibt, dass sich J. K. Rowling nicht von ihren Äußerungen distanziert und ihre Sichtweise, in welcher Form auch immer, überdenkt. Im Gegenteil. Sie schießt immer wieder gegen die Community. Sie positioniert sich immer wieder und stellt sich sogar auf die Seite von Wissenschaftler*innen, die offen transphob sind. Sogar die rechte Szene positioniert sich offen auf Rowlings Seite9https://www.queer.de/detail.php?article_id=35145. Kein Wunder, wenn man deren Ideologien damit stärkt und in den offen Diskurs spült.

Sie macht es auch nicht besser, wenn sie versucht ihre Meinung zu vertreten10https://www.vulture.com/2020/06/jk-rowling-anti-transgender-comments-blog.html. Es fällt mir bei ihr besonders auf, dass sie sich immer wieder die Positionen herausgreift, die ihren Bias bestätigen. Klassischer Fall von Confirmation Bias, also die Neigung, Informationen so auszuwählen, zu ermitteln und zu interpretieren, dass diese die eigene Erwartungen erfüllen bzw. bestätigen. Und das ist in dem Fall besonders fatal, weil es sich zwar um eine kleine Gruppe von Menschen handelt, aber der Diskurs einen Einfluss auf unsere ganze Gesellschaft hat. Und Hass immer etwas stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, als Zustimmung oder positive Befürwortung.

„Viele Stars der „Harry Potter“-Filme, darunter Hauptdarsteller Daniel Radcliffe, kritisierten die Schriftstellerin für ihre transphobe Haltung.“

https://www.queer.de/detail.php?article_id=40702

Interessant ist auch, dass sie sich dennoch immer wieder entscheidet, nachträglich Charaktere ihres Potter Universums queer zu machen. So sagte sie Albus Dumbledore sei schwul und in Grindelwald verliebt gewesen. Der britische Aktivist Peter Tatchell merkte zurecht an, er „hätte sich […] gewünscht, dass Rowling die Homosexualität Dumbledores in den Büchern klarer herausgearbeitet hätte: „Wenn das für jeden offensichtlich aus dem Text hervorgeht, wäre das ein klares Signal für Verständnis und Akzeptanz gewesen.““11https://www.queer.de/detail.php?article_id=7796. Als wäre Homosexuell sein ok, aber das andere geht ihr dann zu weit?

Was ist ein TERF?
TERF = Trans-Exclusionary Radical Feminism

Warum ist das alles überhaupt wichtig?

Trans Menschen sind besonders schützenswert, da sie durch die Anfeindungen und Ausgrenzung in unserer Gesellschaft eine doppelt so hohe Sterberate aufweisen. Das ermittelte eine niederländischen Studie. „Die Daten zeigten, dass das Sterberisiko bei trans Frauen fast doppelt so hoch liege wie bei cis Männern und drei Mal so hoch wie bei cis Frauen. Gerade die Gefahr, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Infektionen, Lungenkrebs und unnatürlichen Todesursachen (Unfälle, Tötungsdelikte, Suizid) zu sterben, sei bei trans Frauen extrem erhöht.“ Eine höhere Akzeptanz kann da nachweislich diese Entwicklung umkehren12https://www.queer.de/detail.php?article_id=39985.

Momentan läuft auch eine Studie vom RKI zur „Sexuellen Gesundheit und HIV/STI in trans und abinären Communitys“ für den deutschen Raum. Die Diskussionen auf Twitter ist unterdessen wieder von Transfeindlichkeit und Stereotypen durchzogen. Genau deswegen braucht es einen breiten Diskurs zu dem Thema.

Mein Fazit:

Was sollte man jetzt machen? Eigentlich ganz einfach: Sich für trans Menschen einsetzen und sich klar positionieren, auch wenn es manchmal schwer fällt13https://www.thegamer.com/jk-rowling-trans-people-hogwarts-legacy-harry-potter/. In meinen Augen hat das einfach viel mit Empathie und Respekt zu tun. Aber auch von Stärke, sich selbst ins Schussfeld zu begeben und sich schützend vor eine schwächere Gruppe zu stellen. Es ist unfassbar wichtig und bringt unsere Gesellschaft am Ende mehr zusammen. Davon bin ich persönlich überzeugt. Und da ist es auch ok, wenn man selber Fehler gemacht hat oder auch neue macht, solang man das erkennt und weiter daran arbeitet.

Mit diesem Beitrag möchte ich übrigens nicht sagen, dass alle, die das Spiel kaufen und spielen, automatisch transfeindlich sind. Aber man sollte sich möglichst mit der Diskriminierung von Minderheiten beschäftigen. Außer man hat dafür keine Kapazität mehr, weil man andere Themen angeht. Rowling gibt uns genug Zündstoff dafür, immer wieder. Dafür muss man nur mal kurz auf ihr Twitter Profil schauen. Auch zuletzt hat sie Tweets herausgeblasen, die nicht feierlich sind. Und wie ich am Anfang schon bemerkt habe: Es gibt hier kein schwarz oder weiß, aber jeder sollte sich ernsthaft Gedanken darüber machen.

Und wenn das alles dir noch nicht reicht als Grund, dann überzeugt dich vielleicht ein Artikel von einer betroffenen Person! https://www.thegamer.com/hogwarts-legacy-harry-potter-jk-rowling-play-trans-friends/

Quellenangabe:

%d Bloggern gefällt das: